Das letzte Wort


Seit Juli 2018 schreibt Arnd Rühlmann als Kolumnist für das Bamberger Monatsmagazin "Fränkische Nacht".


Hier finden Sie das Archiv all seiner "letzten Worte".

 

 

Der alte Mann und das „Wer?“
Bamberger Game Of Thrones

Dumpfer Trommelwirbel. Die kommenden Kommunalwahlen werfen ihre flackernden Schatten voraus, eine der spannendsten Wahlen der lokalen Geschichte (behauptet der FT), weshalb man schon vor Monaten begonnen hat, wegen des erwarteten Andrangs zusätzliche Wahllokale einzurichten. Die Spannung bei den Wähler*innen steigt minütlich.
Im August dann platzt die Bombe: OB Starke kandidiert für eine weitere Amstzeit! „Leck mich fett!“ tönt aus den erstaunt aufgerissenen Mündern des Wahlvolks angesichts dieser völlig unerwarteten Überraschung.
Ja gut, schon im Frühjahr hatte Bambergs investigativstes und unbestechlichstes Nachrichtenmagazin WOBLA unter der Überschrift „Mach’s noch einmal, Andi“ berichtet, 60% der Bamberger wünschten sich eine erneute Kandidatur von Starke. Allerdings hat die Erwartungshaltung „Das Publikum hat sich so an mein Gesicht gewöhnt, da werde ich wohl auch in der nächsten Staffel mitspielen“ bei Game Of Thrones ja nun gar nicht funktioniert, wer weiß, welche dramatischen Wendungen da das Bamberger Spin-Off nehmen wird …
Bei der CSU hatte bereits im Februar Starkes Stellvertreter Dr. Christian Lange die OB-Kandidatur an sich gerissen wie seinerzeit Kaiser Heinrich den Leichnam seines Vorgängers. Und eröffnete den Wahlkampf auf Facebook mit einem schicken, blauen Werbebanner, auf dem unter seinem launigen Lächeln die Parole zu lesen war:
Wie der US-Amerikaner sagt: I have a dream.
träum.weiter
An diesem Slogan ist so vieles furchtbar, dass allein die Aufzählung meine Kolumne sprengen würde. Mal angefangen damit, dass mitnichten „der US-Amerikaner“ dieses Zitat geprägt hat sondern Friedensnobelpreisträger Dr. Martin Luther King Jr., und als der in den 60er Jahren für die Rechte der Schwarzen gekämpft hat, hatte er dabei eher nicht die CSU im Sinn. Man hat schon ein bisschen Angst, was da noch nachkommt? Wie wäre es mit einer viralen Wahlkampagne auf Twitter: Ich wähl Lange. Du auch? #metoo
Nur mal so als Vorschlag.
Leichte Anflüge von Größenwahn klangen allerdings auch bei den Grünen durch, als die im Juli plötzlich den 31jährigen Jonas Glüsenkamp aufstellten. „Wer is noch des?“ entfuhr es da unisono den Wahlvolkmündern, aber das machte der grünen Fraktion nichts aus. „Wer hat vor einem halben Jahr Greta Thunberg gekannt?“ parierte der Fraktionschef. Hmm. Auch das ein gewagter Vergleich. Ganz abgesehen davon, dass das Schippern im Fahrwasser des Flagschiffs der Klimastreikflotte noch lange keine ausreichende Qualifikation sein dürfte, als Kapitän das Steuer der Stadt Bamberg zu übernehmen. Und sei es nur für eine Hafenrundfahrt.
Nun denn - das ist der bisherige Cast für die Schlacht um den Bamberger Thron. Wir wissen also jetzt, wen wir wählen sollen. Wäre nur schön, wenn man im Verlauf der nächsten Episoden vielleicht auch noch ein paar Hinweise bekäme, warum.

 

(September 2019)

Die Kaiserin mit der Eisenfaust
Gleichberechtigung an der Promenade

Juli 2019. Das politische Klima in der Welt wird immer brutaler. Das klimatische Klima sowieso. Doch in der Traumstadt der Deutschen erregt ein viel größeres Problem die Gemüter:
Man hat es nämlich gewagt, das neue „Bürgerrathaus“ auf den letzten Drücker umzubenennen, weil bei der Stadtverwaltung kurz vor der Eröffnung aufgefallen ist, dass der männliche Begriff „Bürger“ ja irgendwie höchstens die Hälfte der Bevölkerung bezeichnet. Und weil das ja dann vielleicht auch noch anderen auffallen könnte, die sich dann darüber beschweren, heißt das „Service-Rathaus“ (was eigentlich der größere Lacher sein sollte) jetzt „Rathaus am ZOB“.
Dass der ortsansässige Volksmund das nun mit RATZ abkürzt, kann man doof finden oder nicht. Aber möglicherweise hätte derselbe Volksmund dann ein „Bürgerrathaus an der Promenade“ einfach mit BÜRP abgekürzt, und das wäre doch auch nicht schön gewesen.
In jedem Fall liest man dieser Tage viel von „Gendermist“, der den armen Einwohner*innen hier aufgezwungen würde, über „Sprachverschandelung“ wird geschimpft und die Bedrohung durch die gefährliche „Political Correctness.“ Ist doch auch nervig, dass diese blöden Weiber ständig mitgemeint werden wollen, reicht das nicht, dass sie jetzt seit 100 Jahren wählen dürfen? Was wollen die als nächstes? Den gleichen Lohn wie Männer? (Von der unzumutbaren Vorstellung, dass es mehr als 2 Geschlechter geben könnte und die evtl. auch Rechte haben möchten, fange ich gar nicht erst an.)
Die Kritiker sind überraschenderweise vorzugsweise männlich und (ich unterstelle mal) von der Sorte, die nachts heimlich ihre alte „Pippi-Langstrumpf“-Ausgabe von 1945 streicheln und ein bisschen weinen, weil sie nirgends mehr ihr „Negerkussbrödla“ kaufen können, ohne zurecht blöd angeschaut zu werden.
Dabei sollten doch gerade wir Bamberger*innen von unseren Stadteltern gelernt haben, wie wichtig Gleichberechtigung ist. Kaiser Heinrich nämlich war doch hauptsächlich dafür bekannt, lendenlahm zu sein und Nierensteine zu haben. Ansonsten war er meistens unterwegs. 
Kunigunde hingegen - mit deren Kapital das Bistum Bamberg übrigens gegründet wurde - leitete hier die Geschäfte. Ja gut, ihr Gatte hat den Dom errichten lassen - aber wer musste dann die Bauaufsicht führen und die diebischen Arbeiter verstümmeln? Na raten Sie mal! Und als Gerüchte über ihre Untreue kursierten, ist sie einfach mal flugs über glühende landwirtschaftliche Geräte spaziert, warum auch immer. Nicht zu vergessen ihr gefürchteter rechter Haken, mit dem sie ihre vergnügungssüchtige Nichte fürs Leben entstellte.
Unsere Kunigunde also, diese mittelalterliche Mischung aus Le Corbusier, David Copperfield und Bud Spencer in feminin, die hätte doch drauf geachtet, dass sich auch die Bürgerinnen von ihrer Stadtverwaltung angesprochen fühlen. Oder etwa nicht?

 

(August 2019)

Vom Osten lernen
Kein Bier für Nazis

„Braune Schläfer - der neue Terror von rechts“ schreit es reißerisch vom Titel des „Spiegel“. Neu?, frage ich mich. Worüber berichten die als nächstes? Die technische Innovation Farbfernsehen? Mag ja sein, dass man beim Spiegel schläft, die Rechten tun es schon lange nicht mehr.
Aber auch in den sozialen Netzwerken, Talkshows und anderen Magazinen scheint man ganz erstaunt erst jetzt festzustellen, dass es in Deutschland organisierte Neonazis gibt.
Nur Joachim Gauck, Ex-Präsident und Spezl von Hetz-Oma Erika Steinbach, forderte plötzlich mehr Toleranz nach rechts, was aber nur kurz für Aufregung sorgte bis sich herumgesprochen hatte, dass er damit bloß Werbung für sein neues Buch machen wollte. (Auch das hat der „Spiegel“ mit als letztes gemerkt.)
Vielleicht hätte man mal früher in der Provinz nachfragen sollen?
Hier in Bamberg haben wir nämlich schon seit Jahren gegen NPD-Parteitage und Kundgebungen der „Rechten“ auf dem Maxplatz demonstriert. Und spätestens nach den Angriffen auf das antifaschistische Café „Balthasar“ war auch klar, dass die nicht nur auf Konversation aus sind. Nicht zuletzt waren es Razzien in Bamberg, die 2015 zum Verbot des Netzwerks „Weisse Wölfe Terror Crew“ geführt hatten.
Letztes Jahr hat unser OB Starke die Splitterpartei „Der III. Weg“ wegen Volksverhetzung angezeigt. Das war mutig und gut, aber noch nicht genug.
Im sächsischen Ostritz hat man kürzlich auf besonders entzückende Weise den Besuchern eines rechtsradikalen Rockfestivals den Spaß verdorben.
Erst zog die Polizei dort sämtliche Alkoholvorräte ein, und daraufhin taten sich die Anwohner zusammen und kauften im örtlichen Supermarkt alles Bier auf, mehr als 120 Kisten.
Eine pfiffige Aktion, unaufwändig, gewaltfrei und doch ein deutliches Signal. Davon könnten wir uns doch hier, in der Welthauptstadt des Bieres, ein Seidla abtrinken.
Man stelle sich vor: Sämtliche Bamberger Brauereien schlössen sich zu der Kampagne: „Kein Bier für Braune“ zusammen, und auf jeder Flasche Schlenkerla, Keesmann, Mahr’s, etc. prangte auf dem Etikett ein kleines „Nazis-raus“-Logo. Und auch an den Eingängen der Keller und Schankwirtschaften könnten Schilder verkünden: „Für Rechte gibt’s net amoll Schabeso!“
In den einschlägigen Internetforen würde man sofort zum Boykott unseres gutmenschigen Gerstengetränks aufrufen, wie u.a. schon bei der Biermarke Beck’s. Die hatte nämlich im November mit dem Label „Gegen braune Flaschen“ geworben und sich so den Zorn der Patriotisten zugezogen.
Nun wird wohl kaum jemand bezweifeln, dass der Verzicht auf unsere fränkischen Hopfen-Herrlichkeiten die meisten Nationalisten empfindlich schmerzhafter treffen dürfte als bei der nordischen Industrieplörre. Und möglicherweise wäre man dadurch sogar einen kleinen Teil des in letzter Zeit immer wieder angeprangerten „Sauftourismus“ los.
Also, mir wär’s recht. Prost.

 

(Juli 2019)

Durchs wilde Luthristan
Eine evangelische Landjugend

Wenn in den örtlichen Online-Magazinen Artikel zum Thema Bamberger Moschee oder Ankerzentrum erscheinen, verkneift man sich lieber einen Blick in die Kommentarspalten. Dass dort von tumben Trollen der Bodensatz der Meinungsfreiheit ausgekübelt wird, ist allgemein bekannt, aber hier auch nicht schlimmer als anderswo. Und dass unter den Franken der Deppen-Anteil prozentual genauso groß ist wie im Rest der Republik, dürfte wohl niemanden verwundern, außer vielleicht die Franken selbst, die sich ja gerne für a weng niedlicher als alle anderen halten.
Mich persönlich machen Pöbel-Parolen à la „Sollen die doch hingehen, wo sie hergekommen sind“ immer ein bisschen nostalgisch, denn einige davon habe ich in meiner Kindheit und Jugend selbst regelmäßig zu hören bekommen.
Als meine Familie in den späten 70er Jahren in ein kleines oberfränkisches Dorf zog, war das Wort „Willkommenskultur“ noch nicht erfunden, und so wurden wir von vielen Eingeborenen argwöhnisch beäugt, gemieden, mitunter auch offen angefeindet. Auf dem Schulhof waren böse Sprüche und Rempeleien keine Seltenheit. Und dafür brauchten wir nichtmal ein exotisches Äußeres. Blaß, pummelig und rothaarig zu sein, verbesserte meine Situation zwar nicht unbedingt, aber das war bloß ein Bonus.
Wir waren nämlich nicht nur (schlimm genug!) „Preußen“, sondern auch noch (Trommelwirbel!) evangelisch! In meiner Klasse war ich der einzige.
Gut, damals konnte noch keiner twittern „Die Reformisten nehmen uns die Frauen und die Jobs weg!“ oder „Katholische Omis hungern weil den Luthrischen alles hinten reingeschoben wird!!1!11!“ - Aber an Sätze wie „Solche wie euch wollen wir hier net!“ kann ich mich gut erinnern. Auch Hässlicheres.
In der Bamberg war man nicht zwangsläufig toleranter. Kaum jemand, der in den 70ern schon zur Geschlechtsreife gelangt war, kennt keine Horrorgeschichten von handfesten Familiendramen und -zerwürfnissen, nur weil ein Teenager bei der PartnerInnenwahl zur falschen Konfessionsgröße gegriffen hatte.
Und Bekannte, die in den 60ern eine Grundschule in Bamberg Ost besuchten, berichten, dass es ihnen strengstens verboten war, mit evangelischen Kindern auch nur zu reden. Wer MitschülerInnen dabei erwischte, sollte sie beim Lehrer melden.
Zugegeben: Nordirische Verhältnisse waren das noch lange nicht, wobei das vielleicht eher dem fränkischen Phlegma zuzuschreiben ist. Aber hätte es die Möglichkeit gegeben, die ungeliebten Evangelen nach „Luthristan“ oder so abzuschieben, wir hätten wohl täglich im Morgengrauen mit der Polizei rechnen müssen.
Für jüngere Generationen dürfte das klingen wie Geschichten aus einem besonders dämlichen Paralleluniversum. Dabei ist es bloß ein paar Jahrzehnte her. Und das gibt doch Hoffnung, dass auch die unnötigen Vorurteile von heute in wenigen Dekaden höchstens noch für ungläubiges Schmunzeln sorgen.

 

(Juni 2019)

Oder soll man es lassen?
Freitags wieder in die Schule

„Wir haben nichts zu verlieren außer der Zukunft!“ - „There is no Planet B“ - „Eure Klimapolitik tötet!“ So steht es auf den Schildern der Schüler, die bei den „Fridays-for-future“-Demonstrationen wöchentlich auf die Straße gehen, trotz angedrohter Strafen und Verweise.
Eigentlich griffige Parolen, die spontan überzeugend wirken. Sollten.
Doch hat unser Nachwuchs da wohl die Realitätsresistenz der bornierten Betonköpfe in der deutschen Politik unterschätzt.
So fürchte ich, dass es wohl nur eine Frage der Zeit ist, wann die Kinder es leid sind, den Herren Altmaier, Lindner und wie sie alle heißen immer wieder vergeblich die gleichen Zusammenhänge zu erklären. Dabei brauchten die bräsigen Bürokraten bloß einmal einen Bamberger Gärtner zu befragen, um zu kapieren, dass die Sonnenuhr auf 5 vor 12 steht.
Auch die Lokalpresse lässt sich trotz Waldbrandgefahr den Spaß an der Hitze nicht nehmen. “Sonnig, warm und trocken: Hält das gute Wetter?“ fragt man sich auf inFranken.de und zeigt voyeuristische Schnappschüsse von Sonnenbadenden im Bikini. An den Stammtischen verdreht man beim Stichwort „Klimaschützer“ schon die Augen bis der Sehnerv knirscht. Fast bekäme man Lust, wieder über Flüchtlinge zu reden.
Und da doch augenscheinlich niemand auch nur ansatzweise vorhat, irgendetwas ernsthaft zu ändern: Sollten wir nicht einfach das Gerede sein lassen und das Beste aus der Situation machen? Das erscheint mir als sehr fränkischer Lösungsansatz.
30 - 40 spaßige Jahre könnten für uns noch rausspringen, in denen wir alle Annehmlichkeiten genießen könnten, die wir so ungern missen möchten: Flugreisen, Rindersteaks und Trinkhalme aus Plastik.
Wir Bamberger könnten uns den nervtötenden Bahnausbau sparen. Das Atrium überlassen wir handwerklich begabten, studentischen Hausbesetzern, die Sandstraße wird zum Niemandsland erklärt, in dem nur noch das Recht des Hochprozentigeren gilt.
Keiner brauchte sich über die Zukunft des Muna-Geländes den Kopf zerbrechen. Welche Zukunft denn? Es würde sich auch nicht mehr lohnen, sich über fehlende Radwege aufzuregen, oder darüber, wie kackenhässlich die Passage durch das neue Quartier an den Stadtmauern geworden ist.
Die Kinder könnten endlich wieder Freitags in die Schule - auch wenn sich die Frage aufdrängt wieso eigentlich noch - die Erwachsenen könnten bei die Bosch fröhlich weiter Teile für Dieselmotoren herstellen und dürften dafür in der Freizeit soviel in der Regnitz baden wie sie wollen.
Wenn deren Pegel dann soweit gestiegen ist, dass das Wasser ins Alte Rathaus hineinläuft, könnte man den Klimawechselleugnern rasch noch ein gepfeffertes „Siehste!“ (fränkisch: „Sixt!“) entgegenschleudern und sich dann einer marodierenden E-Scooter-Gang anschließen. So wären die letzten Tage vor der Apokalypse fast wie bei „Mad Max“, nur ein bisschen peinlicher. Ich persönlich fände das passend.

 

(Mai 2019)

Barbara Schöneberger im Stadtbus
Politisch korrektes Glotzen

„Ach, der Frühling,“ strahlt mich ein Kollege an. „Da macht a Fahrt mit‘m Stadtbus viel mehr Spaß ... Weil die Madla wieder kurze Röck anhaben.“ Und zwinkert zweideutig.
Sofort erhält das fröhliche Gespräch einen Bä-Bä-Beigeschmack. „Spanner!“ will ich dem Lüstling entgegenrufen, was mir nicht recht gelingt, weil ich mich selbst ertappt fühle. Schließlich gucke ich auch ganz gerne mal hin, wenn aus schicken Shorts wohlgeformte Waden ragen.
Aber ich gucke ja harmlos. Peinlich glotzen - das tun die anderen. Nur sollte man sich, nicht erst seit #metoo, fragen, ob das vom Gegenüber auch so harmlos empfunden wird.
Ich kenne durchaus Damen, die gerne mal Mini tragen, eben damit man ihre Beine bewundern kann. Und von Barbara Schöneberger stammt das Zitat: „Wenn Männer mein Dekolleté loben, freue ich mich - sonst werde ich zu sehr auf meine inneren Werte reduziert.“
Doch habe ich auch eine Freundin mit üppiger Oberweite die es - verständlicherweise - ernsthaft anwidert, wenn ihr hormonisierte Hornochsen schier in den Ausschnitt fallen, weil sie aus Temperaturgründen auf dicke Oberkörperverhüllung verzichtet.
Andere Freundinnen von mir riskieren auch mal heimliche Blicke auf hübsch haarige Herrenkörper, wenn die Tage länger und die Hemden kürzer werden.
Nun dürfte der Prozentsatz von Männern, die sich durch begehrliche Frauenblicke belästigt oder gar bedroht fühlen, im Vergleich gering ausfallen. Gerade darum ist es witzig, wie humorlos viele reagieren, wenn ihnen mal ein Schwuler genau so auf den Po schielt, wie sie das bei einer „scharfen Braut“ tun, die sich dann „nicht so anstellen soll“, weil das doch „bloß ein Kompliment ist.“ Auf so einen Arsch zu gaffen, wird ja fast schon zum emanzipatorischen Akt, wenn man mutig genug ist, das so zu betrachten.
Als neulich Wissenschaftler herausfanden, dass Männer, die täglich 10 min. Frauenbrüste ansehen, 4 - 5 Jahre länger leben, wurde heiß diskutiert, ob diese Information als solche schon sexistisch ist. Ich persönlich fand eher diskriminierend, dass bei der Studie niemand wissen wollte, ob auch Frauen von der heilenden Wirkung des Anblicks sekundärer männlicher Geschlechtsorgane profitieren können.
Modemacher*innen sollten sich mal ein Gimmick zur Lösung der Misere einfallen lassen. Wie wäre es z.B. mit bunten Buttons, die die Intention einer Person im luftigen Dress diskret aber unmissverständlich klarstellen. Für den Anfang würden zwei Varianten genügen: „Gucken erwünscht“ oder „Ich hab das nur an, weil mir warm ist.“
Bis sich dieses Konzept allerdings durchsetzt, kann es wohl dauern, und so konzentriere ich mich im Bus lieber auf den kleinen Bildschirm und lerne die Werbung der Stadtwerke auswendig.

Übrigens: Den gleichen gesundheitsfördernden Effekt wie bei Brüsten können Männer laut der Studie beim Betrachten von niedlichen Tierbabys erzielen. Das nur nebenbei.

 

(April 2019)

Was denn noch alles?
Burnout des mündigen Bürgers

Wenn man über das Leben vor 100 Jahren nachdenkt, kann man schon wehmütig werden. Gut, damals gab es noch keine Staubsaugerroboter und man wurde von der spanischen Grippe dahingerafft, aber die Übersichtlichkeit des Alltags erscheint geradezu paradiesisch. Heute winkt einem doch der Burnout der Sozialkompetenz schon beim Aufwachen zu.
Man soll sich den PIN-Code des Fernsehers merken, die IBAN vom Girokonto und das Safeword für die Domina. Man soll für alle Online-Shops, Streaming-Dienste und soziale Netzwerke verschiedene Passwörter verwenden, sonst könnte jemand deinen Spotify-Account hacken und in deinem Namen furchtbare Playlists mit Songs von Santiano, Andreas Gabalier und den Lochis erstellen.
Man soll Lebensmittel möglichst regional und saisonal einkaufen, die Preise für Strom, Mobilfunk und Versicherungen vergleichen, stets die Bonuskarten für Zahnarzt und Coffeeshop bei sich tragen. Kinder und Haustiere rechtzeitig impfen lassen und sich hüten, mit seinem BMI die Krankenkassen zu belasten. Beim Verreisen die Ökobilanz beachten, beim Zuhausebleiben Feinstaub- und Ozonwerte im Auge behalten.
Das neueste Update der VGN-App auf dem Smartphone, aber auch den kompletten Fahrplan des ÖPNV im Hirn haben, weil die App wichtige Verbindungen gar nicht anzeigt.
Aber damit hast du egoistisches Trampel noch lange nicht genug fürs Gemeinwohl getan, und die Politiker werden nicht müde zu betonen, dass gerade in der heutigen Zeit der aktive Bürger gefragt ist. Also gut, das dann auch noch!
Nun haben wir für das „Volksbegehren Artenvielfalt“ abgestimmt und die Bienen gerettet. Weil man ja ehrlich kein Experte sein muss, um zu erkennen, dass es irgendwie ungut wäre, wenn nach den Insekten dann alle anderen Lebewesen draufgehen, die zu doof sind um Photosynthese zu betreiben. Wir haben den Hauptsmoorwald erhalten - eine traumatische Erfahrung, die unseren Oberbürgermeister bis heute regelmäßig schweißgebadet aus dem Schlaf schrecken lässt - und es deutet alles darauf hin, dass wir demnächst gegen die Staatsregierung zu Felde ziehen müssen, um die Rodung des Steigerwaldes zu verhindern. (Da gab es doch mal diese Aktion einer Brauerei, wo man beim Kauf eines Kastens ihrer Industrieplörre einen Quadratmeter Regenwald schützen konnte. Würden die oberfränkischen Bierbrauer einen ähnlichen Deal anbieten, wäre doch der Steigerwald in Nullkommanix ein Naturschutzparadies?)
Vor 100 Jahren wurde in Bamberg die bayerische Demokratie ausgerufen. Wäre es nicht schön, wenn sich unsere gewählten „Volksvertreter“ mal dran erinnern würden, dass sie dafür da sind, sich in Vertretung des Volkes in unserem Sinne um Sachen zu kümmern? Dann hätten wir auch wieder mehr Zeit, uns um unsere Aufgaben als Untertanen zu kümmern: Das Bruttosozialprodukt erwirtschaften, das Konsumklima stabil halten und leise über unseren Rentenbescheid weinen.

 

(März 2019)

Der diskrete Charme des Gaudiwurms
Fasching in Bamberg

Eines gleich vorneweg: Ich bin ein erklärter Faschingsmuffel. Die Vorstellung, das sogenannte „närrische Treiben“ während der sogenannten „5. Jahreszeit“ in einer der sogenannten „Karnevalshochburgen“ am Rhein durchleiden zu müssen, ist mir ein echtes Grauen. Völlig enthemmte „Jecken“ saufen, grölen und molestieren dort durch die Städte, ohne Rücksicht auf Gebäude, Mitmenschen oder irgendwelche Errungenschaften von Kultur und Zivilisation. (Das klingt für viele vielleicht nach einem ganz normalen Montagabend in der Sandstraße, ist aber z.B. in Köln tatsächlich nur in der Zeit vor Aschermittwoch üblich. Und dort wird man wenigstens durch die dämlichen Kostüme vorgewarnt.)
Begleitet wird dieses Bacchanal der Entgrenzung von einem Zwang zur krampfhaften Lustigkeit, die mit Humor in etwa soviel zu tun hat wie eine Episode von „Der Bachelor“ auf RTL mit einem Hochschulabschluss. George Orwell beschreibt in seinem Roman „1984“ das Zimmer 101, in dem jeden Menschen seine persönliche Hölle erwartet. In meinem Fall wäre das ein Fernseher, auf dem rund um die Uhr in Dauerschleife „Mainz, wie es singt und lacht“ läuft.
Umso mehr lernte ich in den vergangenen Jahren die spröde Schönheit des fränkischen Faschings zärtlich zu lieben. Denn der Franke, dem man ja ohnehin nur in Ausnahmefällen so etwas wie Ausgelassenheit unterstellen kann, begeht die tollen Tage in heiterer Heimlichkeit.
Auch wenn invasive Industrie-Festivitäten wie Valentinstag oder Halloween hier bei uns genauso aufdringlich daherkommen wie im Rest der Republik, wird der Fasching in Bamberg immer noch mit einem gewissen humoristischen Understatement, ja geradezu verschämter Diskretion betrieben. Seit man die dazugehörigen Krapfenvariationen im Grunde ganzjährig in den Bäckereien bekommt, bemerkt man kaum eine Veränderung. Da war auch der gescheiterte Vorschlag des Stadtmarketings nur konsequent, den „Gaudiwurm“ unauffällig im Dunkeln stattfinden zu lassen um Kinder und SeniorInnen nicht zu doll zu verschrecken.
Ach ja: Gaudiwurm! Was da klingt wie die unlustige Pointe eines Herrenwitzes aus den 50ern ist tatsächlich eine ernstgemeinte, in Süddeutschland sehr populäre Bezeichnung für einen Faschingsumzug. Überhaupt sind der sprachlichen Kreativität dieser Tage keinerlei Grenzen gesetzt.
„Der Gabelmoo rockt den Ziegelbau über und unter dem Wasser“ lautet das Motto des diesjährigen Rosenmontagsballs - das ist so griffig und eingängig wie die Namen sämtlicher Ochsenknecht-Kinder hintereinander. Und verrät viel über das liebevoll-skeptische Verhältnis der Ureinwohner zu diesem freizügigen Spektakel.
Daher möchte ich dem Bamberger Tourismus Service hiermit folgenden Werbeslogan anbieten: „Fasching in Franken - wo Fröhlichkeit und Lebensfreude sich nicht auf Ihren Alltag auswirken.“
Helau!

 

(Februar 2019)

Axtmörder mit Zimtgeschmack
Mit Freunden auf den Weihnachtsmarkt

Die Vorweihnachtszeit ist ein einziges Minenfeld. Schon tagsüber im Job lauern überall Fallstricke: Darf ich dem türkischen Mitarbeiter schöne Feiertage wünschen? Soll ich der atheistischen Chefin ein Stück Christstollen anbieten? Mit welcher Ausrede drücke ich mich vor dem Schrottwichteln?
Nach Feierabend drohen aber noch weitaus gefährlichere Fettnäpfchen und Gefahren - zumindest wenn man mit Partner und/oder Kindern lebt. Die Alternative für Alleinlebende sind Vereinsamung und Depression. Die schiere Angst vor dem eigenen Zuhause bringt einen schließlich auf die verzweifelte Idee, zwischen Maloche und Heimweg noch einen Zwischenstopp auf dem Weihnachtsmarkt einzulegen
So begibt man sich am Spätnachmittag mit ein paar Kumpels ins akustische Bermudadreieck zwischen Drehorgel, Blaskapelle und Standbeschallung auf dem Maxplatz. - Alle spielen „Last Christmas“ aber in unterschiedlichen Tonarten.
Währenddessen piept alle 30 Sekunden das Handy, weil wieder ein Kollege das gleiche Bild per Whatsapp geschickt hat. (In diesem Jahr ist das die „AfD-Krippe“: ohne Flüchtlinge, Juden, Araber oder Afrikaner. Sprich: Es bleiben nur Ochse und Esel übrig. Fand ich sehr lustig. Die ersten 10 Male.)
Man lässt den Blick über die glitzernden Buden schweifen und fragt sich unwillkürlich, ob es tatsächlich Menschen gibt, die ihren Lieben an Heiligabend buntgeblümte Kittelschürzen unter den Baum legen, und ob das etwas mit der an den Feiertagen traditionell steigenden Anzahl von Gewaltverbrechen zu tun hat.
Die Stimmen der Freunde reißen dich aus diesen Gedanken. Die debattieren nämlich lautstark darüber, an welchem Stand es den besten Glühwein gibt. Eine Diskussion, die übrigens so sinnlos ist, wie mit einem Axtmörder darüber zu streiten, welche Farbe das Beil haben soll, mit dem er einem gleich den Schädel einschlagen wird.
Niemand trinkt doch Glühwein oder Jagertee ernsthaft wegen des Geschmacks! Leute, die so etwas behaupten, gucken auch „Dschungelcamp“ wegen der subtilen Kritik an einer poststrukturalistischen Gesellschaft. Absoluter Quatsch, in beiden Fällen geht es ausschließlich darum, das Hirn abzustellen und eventuell jemand beim Kotzen zuzusehen.
Der Glühweinrausch trifft einen abrupt und brutal, wuchtig wie ein Vorschlaghammer mit Zimtgeschmack, und beendet auf einen Schlag sämtliche Aktivitäten von Klein- und Zwischenhirn. Motorik, Sozialkompetenz und moralisches Empfinden fallen spontan synchron in Winterschlaf, und so kommt es dann, dass man für Mutti wieder eines von diesen Apfelweibla-Backförmchen kauft, weil man sich nicht mehr daran erinnern kann, dass man das schon die letzten 3 Jahre getan hat. Vielleicht ist es aber auch die alkoholbedingte Gleichgültigkeit, in deren watteweiche Umarmung man sich wohlig fallen lässt, bis eim schleißlcih sogaa dass EndE vom deise Komlune n#3,a !FA %)

(Dezember 2018)

Whatsapps aus dem Krieg
Schienenersatzverkehr - ein Erlebnisbericht

Weil die Bahnstrecke Nürnberg-Bamberg mal wieder totalgesperrt ist, warte ich mit ca. 70 anderen verzweifelten VGN-Opfern am von Baustellen völlig zerklüfteten Platz hinter dem Nürnberger Bahnhof auf den Schienenersatzverkehr.
„Krieg“ steht in großen, leuchtend roten Lettern auf dem pechschwarzen Reisebus, der nun anrollt. Ein eher wenig Vertrauen erweckender Name für ein Touristikunternehmen, aber immerhin wird hier nicht versucht, die Lage zu beschönigen.
Wie eine Herde Rinder auf dem Weg zum Schlachthof schieben wir Reisenden uns in den Bus, von dem wir nur hoffen können, dass er auch in die richtige Richtung fährt - da geschieht ein Wunder, von dem nur wenige Ersatzverkehr-Erfahrene berichten können: Es gibt genug Sitzplätze für alle! Selbst die Koffer, die manche leichtsinnigerweise mit sich führen, können verstaut werden. Ja, hinten im Bus sind sogar noch einige freie Plätze! Halleluja!
Doch da drängt in letzter Sekunde eine Gruppe von 8 oder 9 Islamistendarstellern in den Krieg und quetscht sich (und damit auch mich) in die  letzten Reihe. Also, nichts gegen religiöse Folklore, aber die Jungs sehen aus, als hätten sie sich fürs Kindertheater als Fanatiker verkleidet. Läuft irgendwo gerade „Osama Bin Laden - das Musical“? Kaum sitzen sie, zücken alle beinahe gleichzeitig ihre Smartphones und beginnen zu tippen.
Neben ihrer offensichtlichen Vorliebe für wuchernde Bärte und Augenbrauen haben die grimmigen Gesellen noch einen gemeinsamen Fetisch: Handy-Tastentöne. Zumindest hat jeder von ihnen andere, und die tackern nun laut durcheinander. Ich stelle mir vor, dass es so im Sekretariat auf dem Raumschiff Enterprise klingen muss.
Manchmal halten alle abrupt inne, dann sagt einer etwas auf Arabisch und sie lachen dreckig. Vermutlich schreiben sie sich gegenseitig unanständige Witze per Whatsapp.
In Forchheim rauschen die Bärte ab, dafür wanzt sich sofort eine stark überschminkte Mittfünfzigerin an mich heran um auf meine ehemaligen Sitznachbarn zu schimpfen und mich über die Gefahren der Islamisierung zu belehren.
Bis Buttenheim starre ich schweigend aus dem Fenster.
Bei Hirschaid platzt mir der Kragen.
Kurz nach Strullendorf weinen wir beide. Sie, weil ich sie angeblökt habe, dass niemanden ihr Rassistengejammer interessiert und sie außerdem, sollte ihr billiger Pelzkragen echt sein, vor mir mehr Angst haben sollte als vor irgendwelchen anderen Kulturen. Ich, weil mir einfällt, dass 2022 der Bamberger Bahnausbau beginnen soll. Und das bedeutet für mindestens 8 Jahre Schienenersatzverkehr.

 

(November 2018)

Ihr seid schuld!
Ziemlich humorlose Kolumne über Nichtwähler

Wenn einem an jeder Straße neben inhaltslosen Parolen geschniegelte Hackfressen von Plakaten entgegengrienen, weiß man: Die Landtagswahl steht bevor. Und auch wenn im letzten Jahr die Wahlbeteiligung bei uns über dem Bundesdurchschnitt lag, waren es doch 20% der Bamberger, die den Weg zur Urne nicht gefunden haben.
Wie gerne würde ich diese Nichtwähler anschreien: Wie kann man nur! Ihr seid schuld, wenn alles den Bach runtergeht! Das würde sich sicher gut anfühlen. Werde ich aber nicht tun.
Stattdessen erkläre ich es ganz freundlich: Wer sein Wahlrecht nicht nutzt, verwirkt damit im Grunde auch jegliches Recht, sich später darüber aufzuregen, wenn „die da oben“ wieder irgendwelchen hanebüchenen Schwachsinn verzapfen. Und - Hailichäsnaa! - was ist in den letzten Wochen von diversesten PolitikerInnen für ein hanebüchener Schwachsinn verzapft worden!
Nein, ich werde hier keine Namen nennen, und Ihnen bestimmt nicht reinreden, wen Sie wählen sollen. Sicher ist aber: Diejenigen, die in den letzten Monaten - auch gegen massive Proteste - immer wieder behauptet haben, für „das Volk“ zu sprechen, werden ihre Anhängerschaft bestimmt mobilisieren. Die gehen wählen! Und wenn Sie nicht deren Meinung sind, aber finden, dass Sie auch „das Volk“ sind, dann müssen Sie am 14. Oktober eben selbst den Hintern vom Sofa und ins Wahllokal schwingen. Sonst müssen wir alle das Kreuz tragen, dass Sie nicht gemacht haben.
Ausrede Nr. 1 lautet nun: Aber wen denn? Die Politiker sind doch alle gleich ... (Setzen Sie hier einen Kraftausdruck Ihrer Wahl ein.)
Da haben Sie natürlich vollkommen recht. Aber ich erinnere mich, wie ich als Kind zum allerersten Mal mit meiner Mutter über das Thema sprach. Sie erklärte mir das ganze Prozedere geduldig, und meine erste Frage war: Was ist, wenn man keine Partei gut findet? Ihre so lapidare wie eindrucksvolle Antwort war: „Dann muss man eben das kleinere Übel wählen. So wie die meisten.“ Ich wollte, sie hätte dazugesagt, dass Gleiches auch für die Partnersuche oder Essensbestellungen an Autobahnraststätten gilt, aber das gehört nicht hierher.
Wenn Sie also keine Partei wirklich haben wollen, müssen Sie nur wissen, welche Sie am wenigsten nicht wollen, und die wählen Sie dann. Gar nicht so schwer. Und ob Sie dann am Abend die Hochrechnungen verfolgen wollen oder nicht - wenn Sie später den Kopf auf Ihr Kissen legen, können Sie das in der beruhigenden Gewissheit tun, dass Sie diesmal nicht schuld sind. Also zumindest nicht daran.

(Oktober 2018)

30 Tage Katerstimmung
September-Blues

„Wenn die Sandkerwa kommt, ist der Sommer vorbei,“ weiß der Bamberger Volksmund, und der muss es ja wissen. Schließlich kam auch in diesem Jahr die Kaltfront pünktlich zum Anstich vorbei. Und altgediente Ausschank-Veteranen übertrumpfen sich beim nächtlichen Feierabendseidla mit furchterregend frostigen Fronterzählungen von vergangenen Sandkerwas, bei denen man nur in Skiunterwäsche überleben konnte und sich doch so manchen Zeh abgefroren hat.
Trotzdem lügt der Volksmund sich mit seiner niedlichen kleinen Jahreszeit-Analogie euphemistisch in die Tasche. Denn in Wahrheit ist nämlich nach der Kerwa in Bamberg nicht nur der Sommer vorbei. Eigentlich ist alles vorbei.
Nachdem uns diese Stadt den gesamten Juli und August hindurch geradezu schwindlig eventet hat, verfällt sie mit dem letzten Böllerknall beim Feuerwerk am Kerwasmontag schlagartig in einen tiefen Dornröschenschlaf und lässt ihre verkaterten Einwohner demoralisiert und ausgelaugt zurück. Die Folgen sind Lethargie, Stumpfsinn und Depression.
Die meisten gastronomischen Einrichtungen von Belang (zumindest für Menschen jenseits der 25) machen Betriebsurlaub. Sämtliche großen und kleinen Bühnen verweigern sich ihrem kulturellen Unterhaltungsauftrag. Auch im Bambados hält man den Innenbereich geschlossen und klebt die Fliesen wieder fest.
Was bleibt noch zu tun? Sich auf eine Bank vor einen der Supermärkte setzen und protokollieren, wann dort die ersten Lebkuchen angeliefert werden?
Zwangsläufig kommt man ins Grübeln und versucht, sich an die schönen und aufregenden Ereignisse des Sommers zu erinnern. Aber irgendwie ist das Einzige, das einem ins Gedächtnis kommt, der nackte Spanier, der deutschlandweit Schlagzeilen machte und „nur mit einer Gitarre bekleidet“ (Originalzitat FT) erst in der Sandstraße „Freude und Liebe“ verbreiten wollte, dann aber auf dem Maxplatz mit „mitgebrachtem“ (!) Kot um sich warf, und man ertappt sich unwillkürlich bei der Frage, wann es wohl bei einem selbst soweit ist - die ersten Anzeichen aggressiven Irrsinns hat man ja schon lange an sich festgestellt - und ob man dann wenigstens noch ausreichend Taktgefühl hat, das wenigstens einigermaßen geschmackvoll gekleidet zu tun ...
Seufzend wischt man sich den Angstschweiß von der Stirn und hofft darauf, dass mit dem Schulanfang langsam aber stetig ein Etablissement nach dem anderen wieder öffnet, bis zum Ende des Septembers der Alltag wieder einkehrt und man wieder glauben kann, dass es auch im Herbst noch ein Leben gibt.

 

(September 2018)

Ich bin die Blunzn
Die Macht der Gewohnheit

Aber was ...? Ist das denn ...? Hier war doch immer dieses ... wie hieß das noch? „Mäcs Monatsbeschwerden“ oder so ...
Schnell ein paar Seiten zurückgeblättert - Gottseidank, wenigstens der Marc Buchner ist noch da, wo er hingehört.
Aber das hier? Da stimmt doch was nicht, das ist doch nicht so wie das soll, das ist doch nicht wie immer?
Sollten Sie sich angesichts dieser überraschenden Veränderung jetzt irritiert oder unwohl fühlen, denken Sie sich nichts dabei, das ist ganz normal. Aber mit der Zeit geht das vorbei, versprochen.
Man mag den Bambergern vielleicht nicht unbedingt nachsagen, sie wären Neuem gegenüber immer gleich übermäßig aufgeschlossen, aber: sie gewöhnen sich an alles!
Wie lautstark war beispielsweise anfangs die Empörung über die Pfundigkeit der Botero-Blunzn, der versehrte Lüpertz-Apoll musste in den Tagen nach seiner Enthüllung sogar mit Bodyguards vor dem fränkischen Furor beschützt werden. Mittlerweile gehören die beiden einfach zum Stadtbild dazu, und hinter vorgehaltener Hand gesteht sogar mancher Ureinwohner errötend, dass er sie eigentlich ganz hübsch findet.
Selbst architektonische Furunkel auf dem ach so anmutigen Antlitz des Welterbes - wie beispielsweise die gnadenlos hingedonnerte Glastür am Dominikanerbau - entlocken einem nach Jahren des Vorbeiflanierens nicht mal mehr ein Stirnrunzeln.
Wir haben uns an die Spaßbadruine mit dem dämlichsten Namen der Welt gewöhnt und daran, dass wir während der Basketball-Playoffs als „Freak City“ bezeichnet werden, obwohl jedem Bamberger insgeheim klar ist, dass diese Stadt so freaky ist wie Fencheltee.
Wir haben uns an‘s Public Viewing und die diversen anderen Veranstaltungen des Stadtmarketings auf dem Maxplatz gewöhnt; bloß an das zugehörige Tucher-Bier, da wollen wir uns nicht so richtig gewöhnen. Irgendwo hört die fränkische Duldsamkeit doch auf.
Ja gut, und dann die Touristen, an die werden wir uns wohl auch nie so ganz gewöhnen. Aber dafür ist uns das Schimpfen auf die Touristen mittlerweile eine so liebe Gewohnheit geworden, dass wir sie nicht mehr missen möchten. Worüber soll man sich denn sonst unterhalten, wenn man vor dem Schlenkerla rumsteht?
Heuer soll ja auch wieder eine Sandkerwa stattfinden, mal schauen, wie die wird. Irgendwie hatte man sich schon fast dran gewöhnt, dass es keine mehr gibt.
Tja, und jetzt schreibt halt irgendsoein Neigschlaafder die Kolumne vom Mäc Härder. Das können Sie nun gut finden oder weniger gut - aber Sie werden sich schon dran gewöhnen.

 

(August 2018)

(c) für alle Texte Arnd Rühlmann